Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Wer war der gefährlichste NS-Täter Tübingens?

„Gefährlichkeit“ kann man unterschiedlich definieren. Wenn es darum geht, welche Tübinger NS-Täter für die meisten Morde verantwortlich waren, so waren das sicherlich Theodor Dannecker und Walter Stahlecker. Dannecker, der in Tübingen geboren wurde und in der Bursagasse 18/4 in Tübingen aufwuchs, trat bereits 1932 der NSDAP und der SS bei. Später machte er in der Gestapo Karriere und organisierte als enger Mitarbeiter Adolf Eichmanns hauptverantwortlich die Deportation von etwa 476.000 Juden aus mehreren Ländern Europas (Frankreich, Bulgarien, Italien und vor allem Ungarn) in die Vernichtungslager im Osten. Stahlecker, der Anfang der 1920er Jahre in Tübingen studiert hatte, stand von 1934 bis 1937 der Politischen Polizei in Württemberg-Hohenzollern vor. Er leitete im Zweiten Weltkrieg eine Einsatzgruppe der Sicherheitspolizei, die im Baltikum bis Ende Januar
1942 über 240.000 Juden, psychisch Kranke und vermeintliche Kommunisten und Partisanen tötete.
[siehe Projekt Tübinger NS-Akteure]

Was hat der Güterbahnhof mit Zwangsarbeit zu tun?

Am Tübinger Güterbahnhof mussten von 1942 bis 1945 sowjetische Kriegsgefangene in Zwangsarbeit Züge be- und entladen. Sie wurden hierbei von bewaffneten Aufsehern überwacht.

Wie viele sowjetische Kriegsgefangene mussten im Tübinger Güterbahnhof Zwangsarbeit leisten? Hatten/ haben sie ein Recht auf Entschädigung?

1942 wurden 30 sowjetische Kriegsgefangene für Zwangsarbeit zum Tübinger Güterbahnhof zugewiesen. In der Zeit bis Kriegsende kam es jedoch zu Fluktuationen. Manche Kriegsgefangene wurden weg versetzt, andere folgten. Daher lag die Zahl der Kriegsgefangenen, die zwischen 1942 und 1945 am Güterbahnhof leisten mussten höher.
Sowjetische Kriegsgefangene hatten, obwohl sie die zweitgrößte Opfergruppe des Nationalsozialismus waren, bis vor kurzer Zeit keinerlei Anspruch auf eine Entschädigung. Seit Mai 2015 kann ihnen von der Bundesrepublik Deutschland eine einmalige Entschädigung in Höhe von 2500 € erstattet werden. Allerdings ist nur noch eine sehr geringe Zahl von Betroffenen am Leben.

Gibt es auch heute noch Angehörige, die auf dem Gräberfeld X nach Verwandten suchen?

Ja, die gibt es. Dem Verein LDNS sind seit 2010 zwei Fälle bekannt geworden.
Im Sommer 2011 hat die Familie des im Jahr 1943 von der Gestapo ermordeten Feodor Gadschuk aus der Ukraine durch eine Freundin, die in Deutschland lebt, Heimaterde auf dem Gräberfeld X niederlegen lassen.
2014 fand die Filmemacherin Carmen Eckhardt heraus, dass ihr Urgroßvater Viktor Georg Kunz, der im Widerstand gegen den Nationalsozialismus mit der Résistance zusammenarbeitete, 1943 wegen Verrats in Stuttgart hingerichtet und danach unter falschem Namen auf dem Tübinger Anatomiefriedhof, also dem Gräberfeld X, begraben wurde.

Wurde die Brandschutzmauer in der Halle des Güterbahnhofs als Beobachtungsstand benutzt oder nicht?

Diese Frage ist nicht mit letzter Gewissheit zu beantworten. Sicher belegt ist allerdings die Zuweisung von sowjetischen Kriegsgefangenen an den Tübinger Güterbahnhof. In den Akten befindet sich ein „Merkblatt für die Überwachung der russischen Kriegsgefangenen“. Darin wird die Überwachung der Gefangenen „von überhöhtem Standpunkt aus“ zur Auflage gemacht. Außerdem soll von diesem Posten aus gegebenenfalls der Schusswaffengebrauch möglich sein. Diese Bedingungen erfüllt die Tübinger Brandschutzmauer mit eingebautem Podest und Sehschlitz. Sie trägt außerdem eine Aufschrift mit der Aufforderung, den toten Winkel „im Abstand von 1,2 m um den Beobachtungsstand freizuhalten“. Ein baugleicher Beobachtungsstand befand sich übrigens in einem Güterschuppen in Wangen im Allgäu, der inzwischen abgebrochen worden ist.

Wo liegt denn das Lern- und Dokumentationszentrum?

Leider existiert es noch gar nicht. Die Stadt Tübingen hat jedoch versprochen, unter bestimmten Bedingungen, wie z. B. einer soliden Finanzierung, Räume im ehemaligen Tübinger Güterbahnhof für dieses Projekt zur Verfügung zu stellen. Das wäre ideal, weil sich dort das Themenfeld „Zwangsarbeit“ veranschaulichen ließe und eine enge Zusammenarbeit mit dem Tübinger Stadtarchiv möglich wäre. Das Archiv wird nach den dafür notwendigen Umbaumaßnahmen in jedem Fall dort einziehen.

Gab es Deportationen von Juden vom Tübinger Güterbahnhof aus?

Nein, die Deportationen von Jüdinnen und Juden aus Württemberg in die Vernichtungslager im Osten wurden am Stuttgarter Nordbahnhof zusammengestellt. Tübinger Jüdinnen und Juden mussten hierfür nach Stuttgart anreisen. Die Deportationszüge mit Jüdinnen und Juden aus dem Deutschen Reich bestanden auch nicht, wie oft fälschlich angenommen, aus Vieh- oder Güterwaggons, sondern aus Personenwägen.

Soll der Güterbahnhof nun eine Gedenkstätte werden?

Das Gedenken an das Unrecht der Zwangsarbeit wäre durchaus eine Option für den ehemaligen Güterbahnhof. Doch unser Verein möchte den Schwerpunkt anders setzen. Im Lern- und Dokumentationszentrum sollen archivpädagogische Angebote zur Auseinandersetzung mit der Zeit des NS beitragen. Besucher- und Nutzer*innen sollen dadurch zur aktiven Gestaltung unserer demokratischen Gesellschaft angeregt werden.

War die Stadt Tübingen eine nationalsozialistische Hochburg?

Das ist eine umstrittene Frage: Der Begriff der Hochburg stammt aus der Wahlforschung. Zwar gab es andere Städte in Württemberg mit noch mehr Wählern der NSDAP in den Wahlen vom Juli 1932. Bei den letzten, allerdings nur noch eingeschränkt freien Wahlen im März 1933 erreichten die Nationalsozialisten und ihre deutschnationalen Koalitionspartner in Tübingenjedoch ein Ergebnis von 62 Prozent. Dies lag 10 Prozent über dem reichsweiten Durchschnitt und 15 über dem im Land Württemberg. Insbesondere durch den zahlenmäßig großen Anteil an Studenten und Universitätsmitarbeitern an der damaligen Wohnbevölkerung und den geringen Anteil an Arbeitern und Katholiken herrschten stark konservative, deutsch-nationale und nationalsozialistische Ansätze in der lokalen Politik vor.

Welche Rolle spielte die Universität Tübingen im Nationalsozialismus?

An der Universität Tübingen herrschte insbesondere seit dem späten 19. Jahrhundert eine nationalistische und antisemitische politische Atmosphäre, unter anderem getragen von Studentenverbindungen und rechtsgerichteten politischen Hochschulgruppen. Bei Berufungsverfahren für Lehrstühle hatten jüdische Kandidaten kaum eine Chance. Der einzige jüdische Lehrstuhlinhaber in der Weimarer Republik, der Physiker und spätere Nobelpreisträger Alfred Landé, verließ Tübingen bereits 1931.
Die universitären Gremien schalteten sich 1933 willfährig selbst gleich und entließen die wenigen jüdischen oder politisch linken Universitätsmitarbeiter. Jüdischen Studierenden wurde das Studium zunehmend erschwert. Der letzte jüdische Student, Ulrich Sander, brach 1935 sein Studium ab.
Zahlreiche Universitätsinstitute und -angehörige arbeiteten den nationalsozialistischen Machthabern zu. Sie versuchten vielfach deren Ideologie wissenschaftlich zu legitimieren und übernahmen teilweise auch Aufgaben im Verfolgungsapparat. So erstellte das 1934 neu eingerichtete Rassenkundliche Institut auf dem Schloss in unklaren Fällen auch Rassengutachten, die die Betroffenen als „arisch“, „jüdisch“ oder „Mischling“ einstufen sollten. An zwei Universitätskliniken (Frauenklinik und Chirurgische Klinik) wurden insgesamt über 1100 Männer, Frauen und Jugendliche operativ sterilisiert, weil sie als „erbkrank“ angesehen wurden. Wie viele öffentliche Einrichtungen, profitierte auch Universität, vor allem die Universitätskliniken, von Zwangsarbeit von alliierten Kriegsgefangenen und zivilen Zwangsarbeiterinnen und -arbeitern.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden mehr als die Hälfte des Lehrpersonals als politisch belastet entlassen. Innerhalb der folgenden zehn Jahre stellte die Universität jedoch 85 Prozent von ihnen wieder ein.

Behandelt der Verein nur die Geschichte des Nationalsozialismus? Wäre die Beschäftigung mit aktuellem Rechtspopulismus und Rassismus nicht ein wichtigeres Thema?

Der Verein beschäftigt sich sowohl mit der Geschichte des Nationalsozialismus als auch aktuellen rechten Umtrieben, etwa dem Rechtspopulismus der AfD. Uns ist es dabei wichtig, Kontinuitäten rechten Denkens und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit bis heute zu thematisieren.

Wie kann ich mitmachen?

Das ist einfach: Am besten durch eine Mitgliedschaft im Verein LDNS e. V. – und natürlich auch durch ein persönliches Engagement in einem der verschiedenen Arbeitskreise, die sich regelmäßig treffen und an unterschiedlichen Projekten arbeiten.